Interview mit Rudolf Nürnberger im Standard

2 11 2010

Quelle: http://derstandard.at/

“Ich bereue nichts, überhaupt nichts”

VON MARTIN PUTSCHÖGL  |  02. November 2010, 07:37

 

Der legendäre Metaller-Chef über seine Zeit als Lohnverhandler, und wie sich mit Plaudereien über Modelleisenbahnen so manche Gesprächsrunde auflockern ließ

Die Metaller-Lohnverhandlungen gehen diese Woche in die dritte Runde. Die Forderungsübergabe am 30. September war geprägt von einem skurrilen Streit um die Sitzordnung, in den ersten beiden “echten” Runden war der Ton der Gesprächspartner schon amikaler, in der Sache wurde aber keine Einigung erzielt.

Rudolf Nürnberger, legendärer Metaller-Chef, erzählt im derStandard.at-Interview über seine Zeit als Lohnverhandler, und wie sich mit Plaudereien über Modelleisenbahnen so manche Gesprächsrunde auflockern ließ.

derStandard.at: Herr Nürnberger, beginnen wir mit einem Zitat: “Sehr direkt, immer mit Humor, Handschlagqualität, ein Sozialpartner von Schrot und Korn” – wissen Sie noch, wer das über Sie gesagt hat?

Rudolf Nürnberger (denkt nach): War das der Khol?

derStandard.at: Richtig. Andreas Khol, und zwar nach Ihrer Abschiedsrede im Nationalrat, am 28. Juni 2004. Glauben Sie, dass dieser Humor, und auch der Pragmatismus, der Ihnen stets zugestanden wurde, heute den Metaller-Verhandlern ein bisschen fehlen? Stichwort: Ominöser Sitzordnungs-Protest in der ersten Verhandlungsrunde.

Nürnberger: Nein, das glaube ich nicht. Aber zum Sitzordnungs-Streit möchte ich grundsätzlich festhalten: Die Frage mag zwar lächerlich erscheinen, doch zu meiner Zeit hätte ich das – wenn die neue Sitzordnung nicht abgesprochen war, wovon ich ausgehe – auch nicht akzeptiert. Aus rein pragmatischen Gründen. Erstens soll man den Verhandlungspartnern in die Augen schauen können. Die Sprecher, die am Podium sitzen sollten, hätten aber keinen Augenkontakt mehr zueinander gehabt, sondern ins Publikum geredet. Das ist schon einmal nicht gut. Und zweitens gibt’s einen einfachen, praktischen Grund: Zu meiner Zeit – und das wird auch heute noch so sein – sind in der zweiten Reihe unmittelbar hinter mir meine engsten Mitarbeiter gesessen. Wenn ich irgendwas gebraucht habe, Unterlagen oder andere Daten, brauchte ich mich nur umzudrehen, die Hand auszustrecken, und ich habe das bekommen.

derStandard.at: Was sagen Sie zum bisherigen Verlauf der heurigen Metaller-Lohnrunde?

Nürnberger: Schauen Sie, wenn man nicht mehr am Verhandlungstisch sitzt, ist es schwer, eine Lohnrunde zu kommentieren. Und ich möchte sie auch nicht kommentieren. Weil: Zu meiner Zeit hätte ich es auch nicht gerne gesehen, wenn da Vor- oder Vor-Vorgänger oder überhaupt Außenstehende, die nicht am Tisch sitzen, Kommentare und Ratschläge geben.

derStandard.at: Aber Sie beobachten das Geschehen sicher noch sehr genau, oder?

Nürnberger: Ich beobachte und verfolge es, ja. Das ist aber schon alles.

derStandard.at: Vor fünf Jahren, als sie 60 wurden, haben sie ein bisschen was über ihre Verhandlungstaktiken ausgeplaudert. Mit dem damaligen Arbeitgeber-Verhandler Hermann Haslauer haben Sie sich, wenn es brenzlig wurde, stets zurückgezogen und über ihr gemeinsames Hobby, die Modelleisenbahnen, geplaudert. Wie oft ist das vorgekommen, oder anders gefragt: Wie viele solcher Pausen braucht es bei so einem Verhandlungstermin?

Nürnberger: Kompliment, Sie haben gut recherchiert. Es stimmt, sowohl der Herr Kommerzialrat Haslauer als auch ich sind begeisterte Modelleisenbahn-Bauer. Und wenn es brenzlig geworden ist, dann haben wir schon einmal ein bisschen privat geplaudert, ja. Das hat das Ganze aufgelockert. Ich habe derartiges Privates aber nicht nur mit Haslauer besprochen, sondern auch mit allen seinen Vorgängern. Da wurde über die Familie gesprochen, oder wie es den Kindern geht, oder sonstiges. Das gehört meiner Meinung nach dazu, dass es zwischen den Verhandlern auch eine menschliche Note geben soll, denn das erleichtert sicherlich das Verhandeln.

derStandard.at: Und wie lief das in diesen brenzligen Momenten ab? Rief da jemand “Timeout, ab in den Pausenraum”?

Nürnberger (schmunzelt): Naja, oft hat es einfach nur noch einen gewissen Augenkontakt gebraucht, und wir haben gewusst: Eine Pause einzulegen wäre jetzt ganz gut. In der Bundeswirtschaftskammer, wo die Verhandlungen meistens stattfanden, gibt es genügend Büros, in die man sich zurückziehen konnte.

derStandard.at: Wie haben Sie sich persönlich auf die Verhandlungen vorbereitet?

Nürnberger: Das ist auch heute noch so und die große Stärke der Gewerkschaften: Wir haben uns bei der wirtschaftlichen Lage nicht nur auf die allgemein zugänglichen Daten gestützt, sondern uns von den Betriebsräten auch die Berichte aus den einzelnen Unternehmen geben lassen. Weil der Betriebsrat die Situation in seinem Unternehmen einfach am besten kennt – sowohl in den großen, relevanten Betrieben, als auch in den Klein- und Mittelbetrieben. Wir wussten also immer: Wie ist der Auftragsstand, wie wird der Gewinn ausschauen? Wir haben über jedes einzelne Unternehmen Bescheid gewusst, wie es wirtschaftlich dasteht.

derStandard.at: Wie steht “Ihre” Gewerkschaft, die jetzige PRO-GE, aktuell da?

Nürnberger: Sie ist größer, stärker, schlagkräftiger geworden, vertritt jetzt fast die gesamte Industrie-Branche, mit Ausnahme der Sparte Bau/Holz, aber da gibt’s eine enge Kooperation. Ich halte das eigentlich für sehr gut. Die ersten Schritte wurden ohnehin noch unter meiner Vorsitzführung initiiert. Es wurde eigentlich nur das vollendet, was wir vor rund einem Jahrzehnt eingeleitet haben.

derStandard.at: Vor rund einem Jahrzehnt trug sich auch noch eine andere Sache zu: Sie wurden im Jänner 2000 quasi über Nacht berühmt, als Sie die Unterschrift unter dem ausverhandelten rot-schwarzen Regierungsabkommen verweigerten, was dann zu Schwarz-Blau führte. Sie sagten stets, dass Sie niemals bereut haben, die Unterschrift nicht geleistet zu haben …

Nürnberger: Meine Unterschrift hätte gar keinen Sinn gemacht. Denn ich habe ja nicht als Rudi Nürnberger an diesen Verhandlungen teilgenommen, sondern als Repräsentant der gesamten FSG. Und wenn die Fraktion mir das Mandat nicht gibt, kann ich nicht zustimmen. Ich habe damals sogar angeboten, dass ich unterschreibe, dann rausgehe und von meiner Funktion zurücktrete. Das hätte aber nichts geändert.
Ich hatte unmittelbar nach diesen Ereignissen einen Gewerkschaftstag, und da habe ich den Delegierten klipp und klar gesagt: Ihr wisst, dass ich das nicht unterschrieben habe. Für die Abstimmung hatte ich mir dann persönlich eine relativ hohe Latte gesetzt. Und ich bekam das beste Zustimmungsergebnis meiner Karriere. Wenn ich heute noch wo hin komme, werde ich für diese Haltung gelobt. Das ist kein Schmäh.

derStandard.at: Rot-Schwarz wäre damals aber wohl auch an der Finanzminister-Frage gescheitert.

Nürnberger: Ja, es hat dann immer mehr Fragen gegeben. Die letzte war, dass die ÖVP plötzlich den Finanzminister wollte. Das war überhaupt undenkbar. 
Wolfgang Schüssel hat damals nur Scheinverhandlungen mit uns geführt. Der wollte Zeit gewinnen, weil er seiner Partei ja versprochen hatte: Wenn er Dritter wird, geht er in Opposition. Der brauchte nur Zeit und eine Absprungbasis.

derStandard.at: Waren die Lohnverhandlungen in der Zeit der schwarz-blauen Regierung eigentlich schwieriger als sonst? Wenn man sich die Statistik anschaut, dann sind wischen 2000 und 2006 keine signifikanten Abweichungen festzustellen, was die Dauer der Verhandlungen bzw. die Anzahl der Termine betrifft.

Nürnberger: Wir waren uns stets einig, dass Politik in Lohnverhandlungen nichts zu suchen hat. Denn es kann ja nicht so sein, dass das Ergebnis einer Lohnrunde davon abhängig ist, welche Farbe die Regierung hat. Es gibt eine wirtschaftliche Situation, und dieser ist Rechnung zu tragen. Schlicht und einfach. Und das war eigentlich immer klar zwischen uns, zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, dass Politik am Verhandlungstisch nichts zu suchen hat. Und das ist auch gut so.

derStandard.at: Jetzt hat sich ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner aber in die aktuelle Lohnrunde “eingeklinkt”, indem er mit einem Eingriff des Gesetzgebers drohte, falls die Gewerkschaft weiter gegen flexiblere Arbeitszeiten agitieren sollte. Die Gewerkschaft wies dieses “Einmischen” scharf zurück. Aber hat es solche Eingriffe früher bei Ihnen nicht auch gegeben?

Nürnberger: Am Anfang gab’s das schon. Da glaubten immer einige, uns gute Ratschläge geben zu müssen. Aber darauf haben sowohl wir als auch die Arbeitgeberseite keinen Wert gelegt, und wir haben uns davon auch nicht irritieren lassen.

derStandard.at: Auch nicht von SPÖ-Seite?

Nürnberger: Nein, das war uns wurscht, ob das ein SPÖ-, ÖVP- oder sonst ein Politiker war. Und die Verhandler wissen auch heute ganz genau, was zu tun ist.

derStandard.at: Bis kurz vor Ihrem überraschenden Rückzug als Metaller- und FSG-Chef Mitte April 2006 signalisierten Sie stets, dass Sie noch ein oder zwei Jahre lang bleiben wollen. Im Zuge der ganzen Causa ÖGB/Bawag legten Sie dann aber doch gleich Ihre Funktionen zurück. Bereuen Sie Ihren Rückzug heute?

Nürnberger: Nein, ich bereue nichts, überhaupt nichts. Ich habe mehr als 45 Jahre lang gearbeitet, war keinen Tag arbeitslos oder sonst irgendetwas. Und es war ganz einfach der richtige Zeitpunkt. Anfang Mai gab es den Gewerkschaftstag, bei dem die Fusion mit der Gewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss beschlossen wurde. Wäre ich da noch geblieben, hätte ich die ganze Legislaturperiode in dieser Funktion bleiben müssen. Da wurden “Neue Wege” propagiert – aber wie hätte das gehen sollen, mit einem, der 60 ist? Nein, es war vernünftiger, gleich den Generationswechsel vorzunehmen. Bis 65 hätte ich sicher nicht die Funktion ausüben wollen. Und ich wollte auch nicht die Delegierten im Unklaren lassen, sonst wäre ein Vakuum entstanden. Ich glaube, so wie ich es gemacht habe, war es in Ordnung und wurde akzeptiert.

derStandard.at: Als dann im Juni 2006 der so genannte “Mandate-Streit” zwischen dem damaligen Parteichef Alfred Gusenbauer und der Gewerkschaft losbrach, waren Sie schon länger kein Abgeordneter mehr. Können Sie seine Beweggründe, die das Spannungsverhältnis zwischen Gewerkschaftsfunktion und Nationalratsmandat betraf, verstehen?

Nürnberger: Gusenbauer hat damals ja nur gesagt, dass er keine aktiven Gewerkschaftsvorsitzenden im Parlament haben will. Grundsätzlich ist es aber sicherlich gut, wenn Gewerkschafter im Parlament vertreten sind. Es sind auch jetzt sicher mehr als ein Drittel der SPÖ-Abgeordneten in irgendeiner Form mit der Gewerkschaft verbunden – als Betriebsräte, Bezirkssekretäre, Funktionäre oder sonstwie. Das ist gut so, weil man da schon im Vorfeld im Parlament die Politik mitgestalten kann. Würde kein Gewerkschafter im Parlament sein, dann müssten wir Lobbying betreiben, Abgeordnete für unsere Meinung gewinnen.

derStandard.at: Zu Alfred Gusenbauer hatten Sie ja stets ein sehr gutes Verhältnis …

Nürnberger: Ja, eigentlich zu allen Bundeskanzlern. Das war bedingt durch meine Funktion als Fraktionsobmann.

derStandard.at: Wie ist das Verhältnis heute?

Nürnberger: Wir treffen uns noch hin und wieder auf eine Preferanz-Runde.

derStandard.at: Haben Sie auch noch Kontakt zu Fritz Verzetnitsch?

Nürnberger: Nein, da gibt es überhaupt keinen Kontakt. Und ich bin froh darüber. (derStandard.at, 2.11.2010)

RUDOLF NÜRNBERGER (65), gelernter Werkzeugmacher, war von 1988 bis 2006 Vorsitzender der Metaller-Gewerkschaft und als FSG-Chef zudem jahrelang der mächtigste Gewerkschafter Österreichs. Von 1984 bis 2004 saß er außerdem für die SPÖ im Nationalrat. Heute ist er Ehrenvorsitzender der fusionierten Produktionsgewerkschaft PRO-GE und nimmt für diese derzeit noch internationale Aufgaben im Rahmen des Europäischen Metallgewerkschaftsbunds (EMB) wahr.





Presseartikel: Korso

14 04 2010
Neue Akzente in gewerkschaftlicher Bildungsarbeit
Der steirische Gewerkschaftsbund hat einen neuen Bildungssekretär: Auf Gerhard Winkler, der mit 1. März in Pension ging, folgt Klaus Breuss, 28, früher Sekretär der Gewerkschaftsjugend und nun im „Nebenjob“ auch Student der Volkskunde. Im vergangenen Jahr war er Motor des Schulterschlusses zwischen ÖGB und protestierenden Studierenden.
Mit Klaus Breuss sprach Christian Stenner. Um ganz offen zu sein: Manchmal hat man den Eindruck, dass es mit der politischen Bildung der ArbeitnehmerInnen bergab geht, vor allem, was alle Aspekte des Solidaritätsbewusstseins betrifft …
Wir gehen jedenfalls davon aus, dass an erster Stelle der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit die „Basics“ stehen müssen – wie zum Beispiel das Wissen um das Arbeitsrecht und die persönlichen Rechte der ArbeitnehmerInnen. Dazu kommen jetzt verstärkt Inhalte wie Internationalisierung, internationale und transnationale Konzerne oder FairTrade. Was die Aufklärung über die Hintergründe der Finanzspekulation betrifft, haben wir den Film „Let‘s make money“ schon öfters erfolgreich eingesetzt.
Die „Basics“ werden nach wie vor im Rahmen der Gewerkschafts-Abendschule vermittelt, die dauert zwei Jahre lang jeweils zweimal zweieinhalb Stunden in der Woche, da nehmen derzeit steiermarkweit 130 bis 150 Personen daran teil – natürlich in ihrer Freizeit nach der Arbeit, das muss auch einmal erwähnt werden.

Wer sind die TeilnehmerInnen?
Das sind BetriebrätInnen, aber auch einfache Mitglieder – jedes Gewerkschaftsmitglied hat das Recht, die Schule kostenlos zu besuchen. Es sind auch KollegInnen mit Migrationshintergrund dabei – aber es könnten mehr sein.

Welche Bildungsangebote werden über die Abendschule hinaus besonders nachgefragt?
Unsere Mobbingberatung wird sehr stark in Anspruch genommen – Mobbing von Seiten des Arbeitgebers, aber auch unter ArbeitnehmerInnen selbst ist leider ein zunehmendes Phänomen.

Gibt es bestimmte Akzente, die Sie als neuer Bildungssekretär setzen möchten? Und: Sind Sie zufrieden mit der aktuellen Bildungsbereitschaft der ÖGB-Mitglieder?
Zur zweiten Frage: Es gibt leider noch immer Hindernisse für bildungsbereite ArbeitnehmerInnen, ein allgemeiner Rechtsanspruch auf Bildungsfreistellung ist überfällig. Und ja: ich möchte Schwerpunkte setzen, mir geht es darum, mit Hilfe der Bildungsarbeit die Menschen dorthin zurückzuholen, wo sie wirklich stehen, ihnen ihre eigenen Interessen wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Dazu gehören etwa Verteilungsfragen: Es kann doch nicht sein, dass ein Unternehmenschef oder Manager seine MitarbeiterInnen dazu bringen kann, einen Lohnverzicht zu unterzeichnen, während er selbst sich seine Gage aussuchen kann.
Einen starken Akzent möchte ich auch weiterhin auf die atypischen Arbeitsverhältnisse legen – da geht es einerseits um Bewusstseinsarbeit, weil sich manche der Betroffenen als UnternehmerInnen begreifen, obwohl sie von ihren Auftraggebern oft abhängiger sind als ,normal‘ Beschäftigte.
Und ich möchte die modernen Mittel des E-Learnings stärker in die gewerkschaftliche Bildungsarbeit einbringen, weil sie auch eine Brückenfunktion zu den Nicht-Mitgliedern erfüllen können – allerdings dürfen sie die persönliche Beratung nicht ersetzen.

www.korso.at








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